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Roboter-Steuer: Kommt die Maschinensteuer wirklich? Debatte um Finanzierung der Zukunft

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Roboter-Steuer: Was steckt wirklich hinter der Debatte?

Irgendwann zwischen Schlagzeile und Stammtisch hat die Roboter-Steuer einen festen Platz bekommen. Klingt einfach, klingt gerecht: Wer Maschinen statt Menschen arbeiten lasst, soll auch zahlen. Dass Bill Gates das schon 2017 offentlich gefordert hat, dass das Europaische Parlament im selben Jahr daruber abgestimmt hat, und dass die Sache trotzdem bis heute nirgendwo umgesetzt wurde, sagt einiges uber die Komplexitat des Themas.

Die 47-Prozent-Zahl, die nicht stimmt wie sie klingt

Der Originalartikel zitiert eine Studie der Oxford Martin School mit dem Befund, 47 Prozent der Arbeitsplatze in den USA seien durch Automatisierung gefahrdet. Das stimmt, aber nur halb. Die Studie stammt von den Wirtschaftswissenschaftlern Carl Benedikt Frey und Michael Osborne und wurde 2013 veroffentlicht, also vor uber zehn Jahren. Sie hat wissenschaftsgeschichtlich eine riesige Debatte ausgelost, wurde aber seither methodisch stark kritisiert.
Quelle: Oxford Martin School, "The Future of Employment", Frey/Osborne 2013

Das Zentrum fur Europaische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat die Studie auf Deutschland ubertragen und kommt zu einem sehr anderen Ergebnis: Nicht 42 Prozent der deutschen Arbeitsplatze sind wirklich hochgradig automatisierungsgefahrdet, sondern lediglich rund 12 Prozent. Das Bundesministerium fur Arbeit und Soziales kommt auf ahnliche Zahlen. Der entscheidende Unterschied: Frey und Osborne haben ganze Berufe bewertet. Die neuere Forschung schaut auf einzelne Tatigkeiten, und die sind deutlich seltener vollstandig automatisierbar, als der berufsbasierte Ansatz suggeriert.
Quelle: ZEW Kurzexpertise, Ubertragung Frey/Osborne auf Deutschland, 2015

Das EU-Parlament hat abgestimmt, und die Steuer ist gescheitert

Was der Originalartikel komplett verschweigt: Das Europaische Parlament hat das Thema nicht nur diskutiert, sondern bereits 2017 konkret daruber abgestimmt. Die Abgeordnete Mady Delvaux brachte Vorschlage zu einer Roboter-Steuer und einem universellen Grundeinkommen in den Bericht ein. Beides scheiterte. Der endgultige Bericht, der mit 396 zu 123 Stimmen angenommen wurde, enthielt weder eine Roboter-Steuer noch eine Grundeinkommensregelung. Das ist kein kleines Detail, das ist der Stand des europaischen Gesetzgebungsprozesses.
Quelle: AK Europa, "Erstmals Regeln fur Roboter gefordert", 2017

Inzwischen hat sich die Debatte weiterentwickelt. Statt einer klassischen Roboter-Steuer wird zunehmend uber eine KI-Steuer diskutiert, weil sich Automatisierung durch Software und KI-Systeme kaum noch von physischen Robotern trennen lasst. Der Schweizer Steueranwalt Xavier Oberson hat diesen Gedanken ausfuhrlich verfolgt. Konkrete Gesetze gibt es aber nirgendwo in Europa. Sudkorea hat immerhin indirekt reagiert: Das Land hat Steuervorteile fur Unternehmen, die in Automatisierungstechnik investieren, reduziert. Das ist keine Roboter-Steuer im eigentlichen Sinne, aber ein ahnlicher wirtschaftspolitischer Reflex.
Quelle: BasicThinking, "KI-Steuer: Die grosste Umverteilung?", Dezember 2025


Was McKinsey wirklich sagt

Der Originalartikel verweist auf eine McKinsey-Studie, nach der "trotz Automatisierung viele neue Arbeitsplatze entstehen". Das klingt beruhigend, ist aber aus dem Kontext gerissen. Die aktuelle Studie des McKinsey Global Institute von Mai 2024 sagt etwas Nuancierteres: Bis 2030 konnten bis zu 3 Millionen Berufstatige in Deutschland gezwungen sein, ihre Stelle zu wechseln, was 7 Prozent der Gesamtbeschaftigung entspricht. Bis zu 30 Prozent der heutigen Arbeitsstunden in Europa und den USA sind technisch automatisierbar. Neue Jobs entstehen zwar, aber mit anderen Anforderungen und vor allem in anderen Bereichen, besonders in der Pflege, im MINT-Sektor und in Fuhrungspositionen.
Quelle: McKinsey Global Institute, "A new future of work", Mai 2024

Das grosse strukturelle Problem, das McKinsey beschreibt, ist die drohende Polarisierung des Arbeitsmarkts: hochbezahlte Stellen, die schwer zu besetzen sind, und gleichzeitig ein Uberangebot an Arbeitskraften im Niedriglohnsektor. Wer genau das im Blick hat, versteht, warum die Roboter-Steuer-Debatte nicht aufhort. Sie ist im Kern keine Frage der Unternehmensbesteuerung, sondern eine Frage danach, wer fur die Kosten des Strukturwandels aufkommt.

Das Definitionsproblem ist realer als der Artikel zeigt

Zu Recht benennt der Originalartikel das Abgrenzungsproblem: Was genau ist ein Roboter? Was ist eine KI-Anwendung? Das Gabler Wirtschaftslexikon stellt die Frage prazise: Wird eine Maschine zum Roboter, wenn sie mit anderen Maschinen kommuniziert? Wenn sie eigenstandig Fehler erkennt? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) geht noch weiter und argumentiert, dass eine konsequent durchgesetzte Roboter-Steuer zwingend international koordiniert sein musste, um Produktionsverlagerungen zu verhindern. Das ist politisch kaum realistisch, zumal keine internationale Einigkeit uber das Konzept selbst besteht.
Quellen: Gabler Wirtschaftslexikon, "Robotersteuer" ; IW Koln, "Sollen Roboter Steuern zahlen?", 2017

Ein wichtiger Gegenbefund fehlt

Wirtschaftswissenschaftler der Universitat Hohenheim und der Universitat Gottingen haben in einem Rechenmodell untersucht, was eine Roboter-Steuer konkret bewirken wurde. Das Ergebnis ist unbequem fur Befrworter: Die Steuer senkt die Innovationsbereitschaft bei Unternehmen. Das fuhrt dazu, dass die Lohne von Hochqualifizierten sinken, was wiederum Investitionen in Bildung unattraktiver macht. Gleichzeitig erhoht sich die Konkurrenz um einfache Arbeitsplatze, was dort Lohne druckt. Prof. Klaus Prettner, einer der Studienautoren, fasst zusammen: "Mit einer Roboter-Steuer kann man Ungleichheit weniger wirksam bekampfen als bisher gedacht."
Quelle: Automationspraxis, "Robotersteuer hilft nicht gegen soziale Ungleichheit", 2020

Was der Originalartikel richtig macht

Die Grundstruktur der Debatte ist korrekt dargestellt: Automatisierung erodiert die Steuerbasis, weil wegfallende Lohne keine Sozialversicherungsbeitrage mehr generieren. Die Gegner-Argumente, Innovationsbremse und internationale Wettbewerbsnachteile, sind real und gut belegt. Und die Frage, wie man eine solche Steuer uberhaupt definiert und bemisst, ist tatsachlich ein zentrales ungelostes Problem.

Was fehlt: Das historische Scheitern im EU-Parlament 2017, die methodischen Schwachen der vielzitierten 47-Prozent-Studie, der konkrete und nuanciertere Befund von McKinsey 2024, und der empirische Nachweis, dass eine Roboter-Steuer die Ungleichheit moglicherweise nicht reduziert, sondern verstarkt. Ein Artikel, der uber wirtschaftspolitische Instrumente schreibt, ohne deren nachgewiesene Nebenwirkungen zu benennen, bleibt eine halbe Sache.


David Jacques Ruas
Artikel verfasst von
https://www.redweb.app/oSe-Creation/blog

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