Mietrevolte 2.0: Wie digitale Vernetzung den Kampf gegen Wohnungskonzerne verändert
Telegram-Gruppen statt Hinterzimmer, TikTok-Videos statt Flugblätter: Mietaktivismus sieht 2025 anders aus als noch vor zehn Jahren. Und das nicht nur optisch. Die digitale Vernetzung hat die Schlagkraft der Mieterbewegung verändert, neue Werkzeuge geschaffen und Hunderttausende mobilisiert. Aber sie hat auch Grenzen, die zu verstehen wichtig ist.
Hashtag als Sammelpunkt: Was #Mietenwahnsinn wirklich leistet
Der Hashtag #Mietenwahnsinn ist längst mehr als ein Ausdruck der Frustration. Er ist ein digitaler Knotenpunkt, über den Betroffene Erfahrungen teilen, rechtliche Tipps weitergeben und sich lokal vernetzen. Was früher ein Aushang am Schwarzen Brett war, ist heute eine Telegram-Gruppe mit tausend Mitgliedern, in der ein Berliner Mieter einer Kölner Initiative erklärt, wie ihr Mieterhöhungsverfahren verlaufen ist.
Diese Vernetzung beschleunigt Lernprozesse. Lokale Initiativen müssen das Rad nicht neu erfinden. Strategien, die in einer Stadt funktioniert haben, wandern innerhalb von Tagen in den nächsten Bezirk. Die Mobilisierungsgeschwindigkeit über soziale Medien hat direkte Auswirkungen auf die Fähigkeit, kurzfristig auf Mieterhöhungswellen oder Zwangsräumungen zu reagieren.
Mietenwatch: Wenn Daten zur Waffe werden
Ein konkretes Beispiel für datengetriebenen Mietaktivismus ist das Projekt Mietenwatch. Tilman Miraß vom Peng-Kollektiv startete das Projekt 2018 mit einer einfachen Idee: die Mietinserate der großen Wohnungskonzerne automatisiert auswerten. Das Ergebnis nach 18 Monaten: rund 80.000 Berliner Wohnungsinserate, visualisiert auf interaktiven Karten. Was die Daten zeigen, ist nüchtern erschreckend. Innerhalb des S-Bahn-Rings lagen die Neuvermietungspreise beim Start der Plattform 65 Prozent über den maximalen ortsüblichen Bestandsmieten. Eine durchschnittliche 60-Quadratmeter-Wohnung in Moabit war bei Neuvermietung für 960 Euro inseriert. Leistbar wäre für einen Berliner Durchschnittshaushalt rechnerisch maximal 412 Euro gewesen.
Die Plattform zeigt, was Aktivisten mit öffentlich zugänglichen Daten anstellen können: nicht nur dokumentieren, sondern politische Forderungen mit Zahlen untermauern. Das Bundesforschungsministerium förderte das Projekt mit 47.500 Euro. Der vollständige Quellcode liegt auf GitHub, was die Methodik nachprüfbar macht.
Quelle: mietenwatch.de | Netzpolitik.org: Mietenwatch 2019
80.000 Berliner Mietinserate ausgewertet: Im S-Bahn-Ring liegen Neuvermietungen 65% über den ortsüblichen Bestandsmieten. Nur 1% der Angebote ist für Durchschnittshaushalte leistbar. Das ist Mietenwahnsinn in Zahlen. #Mietenwahnsinn #Berlin #Mietenwatch
— Mietenwatch (@mietenwatch)
Algorithmen bei Konzernen: Das andere Gesicht der Digitalisierung
Was Aktivisten für Transparenz nutzen, setzen Wohnungskonzerne zur Gewinnmaximierung ein. Der Berliner Mieterverein dokumentiert, wie Immobilienverwaltungen KI-gestützte Systeme für das sogenannte Tenant Screening einsetzen: Miethistorie, Kreditwürdigkeit, Jobstatus werden algorithmisch ausgewertet. In den USA klagten Mietende 2022 erfolgreich gegen eine Immobiliensoftware-Firma, weil deren Algorithmus die Mietpreise künstlich nach oben trieb. Platforms wie ImmobilienScout24 empfehlen Vermietern direkt KI-Tools zur Mietpreisfindung. Der Spielraum werde so "komplett ausgeschöpft", was zu systematisch höheren Mieten führt.
Das ist der blinde Fleck im Optimismus der digitalen Mietrevolte: Dieselbe Technologie, die Transparenz schafft, ermöglicht auch präzisere Ausschöpfung jedes rechtlichen Spielraums auf der Gegenseite.
"Deutsche Wohnen enteignen": Was der Berliner Volksentscheid wirklich ergeben hat
Das bekannteste Beispiel digitaler Mobilisierung im Mietbereich ist die Kampagne "Deutsche Wohnen & Co enteignen". Die Initiative startete 2018, sammelte über soziale Medien und digitale Kampagnentools mehr als 360.000 Unterschriften für ein Volksbegehren, fast doppelt so viele wie nötig. Am 26. September 2021 stimmten 57,6 Prozent der Berliner Wählerschaft für den Volksentscheid. Das Ergebnis übersteigt das Zustimmungsquorum. Es ist bis heute die größte Unterschriftensammlung in der Geschichte Berliner Volksbegehren.
Aber hier kommt der Teil, den das Original weglässt: Das war kein "Erfolg", der zu konkreten politischen Veränderungen geführt hat. Nicht eine einzige Wohnung wurde vergesellschaftet. Der CDU/SPD-Senat unter Kai Wegner blockiert die Umsetzung. Ein Rahmengesetz, das Ende 2025 präsentiert wurde, enthält explizit keine Enteignungen. Die Initiative selbst spricht von einer "zutiefst undemokratischen Haltung" des Bürgermeisters und hat einen eigenständigen zweiten Volksbegehrensprozess eingeleitet. Digitale Mobilisierung kann eine Abstimmung gewinnen. Ob politische Institutionen das Ergebnis dann umsetzen, ist eine andere Frage.
Quelle: ND Aktuell: Drei Jahre danach | Deutsche Wohnen & Co enteignen: Stand der Kampagne
57,6% der Berliner stimmten 2021 für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Drei Jahre später: keine einzige Wohnung vergesellschaftet. Der Senat ignoriert den Volksentscheid. Wir lassen nicht locker. #DWEnteignen #Berlin #Wohnungspolitik
— Deutsche Wohnen & Co enteignen (@DWenteignen)
Die hybride Strategie: Online organisieren, offline kämpfen
Das Prinzip, das Mietaktivist:innen in Berlin, Hamburg und München verfolgen, ist nicht neu, aber durch digitale Tools effizienter geworden: Online mobilisieren, offline Druck erzeugen. Online-Petitionen mit tausenden Unterschriften schaffen Legitimation für Demonstrationen. Livestreams von Zwangsräumungen werden zu politischen Instrumenten. Erklärvideos über Mietrecht landen bei Zielgruppen, die früher nie den Weg zu einer Mieterberatungsstelle gefunden hätten.
Die Kombination aus Datenanalyse, sozialer Vernetzung und analogem Protest hat den Mietaktivismus vom lokalen Randphänomen zu einem bundesweiten politischen Faktor gemacht. Ob das ausreicht, um strukturelle Veränderungen zu erzwingen, bei Institutionen, die Entscheidungen wieder rückgängig machen oder nicht umsetzen können, ist die offene Frage, die Berlin 2024 sehr konkret demonstriert hat.
Was jetzt gefragt ist: Drei Einstiegspunkte
- Informieren: Mietenwatch, der Deutsche Mieterbund und lokale Mietervereine bieten fundierte Daten und Rechtsberatung. Der Berliner Mieterverein hat über 180.000 Mitglieder und ist damit eine der größten Mieterorganisationen Europas
- Vernetzen: Lokale Telegram-Gruppen, Initiativen wie #DWEnteignen oder stadtteilbasierte Mieterinitiativen ermöglichen kollektives Handeln. Viele laufen ausschließlich ehrenamtlich und brauchen aktive Mitglieder
- Politisch einsetzen: Mietenvolksentscheide, Petitionen an Bundestag und Länder, Kommunalwahlen. Die politische Hebel sind bekannt. Sie zu nutzen, bleibt Aufgabe derer, die betroffen sind
Berlin hat gezeigt: Mehrheiten sind erreichbar. Was danach kommt, hängt davon ab, ob politischer Druck langfristig aufrechterhalten wird und ob Institutionen gezwungen werden können, demokratische Entscheidungen tatsächlich umzusetzen.
Faktencheck: Das Original beschreibt den Berliner Volksentscheid als Beispiel, das "zu konkreten politischen Veränderungen" geführt hat. Das ist falsch. Der Volksentscheid 2021 wurde zwar mit 57,6% angenommen, hat aber bis heute zu keiner Vergesellschaftung geführt. Der CDU/SPD-Senat blockiert die Umsetzung; die Initiative betreibt deshalb ein zweites Volksbegehren. Das zugeschriebene Zitat eines "Mietenwatch-Aktivisten gegenüber op-v.com" konnte nicht verifiziert werden. Die Plattform Mietenwatch existiert real und wird korrekt beschrieben, allerdings ohne das nicht belegbare Direktzitat. Die Behauptung "Soziologen der Universität Hamburg" konnte nicht verifiziert werden und wurde entfernt. Der Epstein-Files-Einschub wurde gestrichen: Er hat inhaltlich nichts mit Mietaktivismus zu tun und diente im Original als Spekulation über Machtverflechtungen ohne jede Quellengrundlage.
Quellen: Mietenwatch | Wikipedia: Volksentscheid DWE 2021 | DWE: Stand der Kampagne | Berliner Mieterverein: KI im Mietmarkt
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