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Klima-Aktivismus 2.0: Neue Strategien nach COP20 für mehr Klimagerechtigkeit?

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Klima-Aktivismus 2.0: Neue Strategien nach COP30 für mehr Klimagerechtigkeit?

Die Bilder gingen um die Welt: Aktivist*innen, die sich an Straßen festkleben, Kohlezüge blockieren oder Kunstwerke mit Farbe beschmieren. Doch nach der COP30 in Belém, Brasilien, stellt sich die Frage: Reichen diese oft radikalen Aktionen noch aus, um wirklich etwas zu bewegen? Oder braucht es einen Klima-Aktivismus 2.0, der neue, effektivere Wege geht, um Politik und Wirtschaft zum Handeln zu zwingen?

Von Blockaden zu Bürger*innenräten: Die Evolution des zivilen Ungehorsams

Der zivile Ungehorsam ist seit langem ein zentrales Werkzeug im Kampf für Klimagerechtigkeit. Organisationen wie "Extinction Rebellion" oder "Letzte Generation" haben mit ihren Aktionen für viel Aufmerksamkeit gesorgt, aber auch für heftige Kritik. Der Vorwurf: Sie würden den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden und die Akzeptanz für Klimaschutz untergraben. Nach Einschätzung von Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber ist die Wirksamkeit solcher Aktionen stark kontextabhängig und kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben.

Einige Aktivist*innen setzen nun auf eine "sanftere" Form des zivilen Ungehorsams, die stärker auf Dialog und Partizipation setzt. Ein Beispiel dafür sind die zunehmend populärer werdenden Bürger*innenräte. Diese ausgelosten Gremien, die sich aus einem Querschnitt der Bevölkerung zusammensetzen, erarbeiten Empfehlungen für die Klimapolitik, die dann von Parlamenten und Regierungen aufgegriffen werden sollen. Ein solches Modell wurde in Frankreich mit der "Convention Citoyenne pour le Climat" erprobt. 150 per Losverfahren ausgewählte Bürgerinnen und Bürger erarbeiteten 149 Empfehlungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Die Ergebnisse waren gemischt: Rund 20 Prozent der Empfehlungen wurden vollständig umgesetzt, weitere 40 Prozent in modifizierter Form, wie eine Analyse des Netzwerks KNOCA ergab. Zentrale Forderungen, darunter eine Verfassungsänderung zum Klimaschutz, wurden im Parlament hingegen abgelehnt. Ob diese Form des Aktivismus langfristig effektiver ist als Straßenblockaden, bleibt daher eine offene Frage.

Digitale Rebellion: Wie soziale Medien zum Schlachtfeld für Klimagerechtigkeit werden

Neben dem klassischen zivilen Ungehorsam spielen digitale Kampagnen eine immer größere Rolle im Klima-Aktivismus. Soziale Medien sind längst zu einem wichtigen Instrument geworden, um Informationen zu verbreiten, Menschen zu mobilisieren und Druck auf Unternehmen und Politiker*innen auszuüben. Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, bekannt durch "Fridays for Future", nutzt beispielsweise Instagram und Twitter, um ein Millionenpublikum zu erreichen und auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen.

Allerdings birgt der digitale Aktivismus auch Gefahren. Falschinformationen und Desinformationen können sich rasend schnell verbreiten und die öffentliche Meinung manipulieren. Zudem besteht die Gefahr, dass Aktivist*innen im Netz überwacht und verfolgt werden. Amnesty International hat wiederholt auf Fälle hingewiesen, in denen Klimaaktivist*innen Opfer digitaler Überwachung und Einschüchterung wurden. Umso wichtiger ist es, dass Aktivist*innen ihre digitalen Strategien ständig anpassen und sich vor den Gefahren des Netzes schützen.


 

Mehr als nur Klima: Die Vernetzung mit anderen sozialen Bewegungen

 

Ein weiterer Trend im Klima-Aktivismus 2.0 ist die zunehmende Vernetzung mit anderen sozialen Bewegungen. Klimaaktivist*innen erkennen immer stärker, dass die Klimakrise eng mit anderen Problemen wie sozialer Ungleichheit, Rassismus und Geschlechterdiskriminierung zusammenhängt. Dementsprechend suchen sie die Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen, um gemeinsam für eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu kämpfen.

Diese intersektionale Perspektive hat das Potenzial, den Klima-Aktivismus zu stärken und neue Zielgruppen zu erschließen. Wenn Klimaaktivist*innen beispielsweise mit der Black Lives Matter-Bewegung zusammenarbeiten, können sie aufzeigen, dass die Klimakrise vor allem die ärmsten und marginalisiertesten Bevölkerungsgruppen trifft. Durch die Vernetzung mit anderen Bewegungen können Klimaaktivist*innen ihre Botschaft verstärken und den Druck auf Politik und Wirtschaft erhöhen.

Die Rolle der COP30: Ein Katalysator für neue Strategien?

Die COP30 fand im November 2025 in Belém, Brasilien statt und war mit über 56.000 Delegierten die zweitgrößte COP der Geschichte. Sie war ein Meilenstein: Zehn Jahre nach dem Pariser Abkommen, im ersten Jahr, in dem der globale Temperaturanstieg die 1,5-Grad-Marke überschritt. Besonders auffällig: Die USA schickten erstmals in der COP-Geschichte keine offiziellen Vertreter, da die Trump-Regierung das Büro für Klimadiplomatie aufgelöst hatte. Eine alternative US-Delegation aus mehr als 100 Abgeordneten unter Führung von Gouverneur Gavin Newsom nahm dennoch teil. COP30 schloss mit einer Einigung zur Verdreifachung der Klimafinanzierung für Entwicklungsländer, aber UN-Generalsekretär António Guterres mahnte: "Die Lücke zwischen unserem Kurs und dem, was die Wissenschaft fordert, bleibt gefährlich groß."

Viele Aktivist*innen sehen die internationalen Verhandlungen weiterhin als unzureichend an. Diese Enttäuschung hat dazu geführt, dass viele Aktivist*innen ihre Strategien überdenken und nach neuen Wegen suchen, um Druck auf Politik und Wirtschaft auszuüben. Die neuen Strategien reichen von der Stärkung des zivilen Ungehorsams über die Nutzung digitaler Medien bis hin zur Vernetzung mit anderen sozialen Bewegungen.

Die Frage ist, ob diese neuen Strategien tatsächlich dazu beitragen können, die Klimakrise zu bewältigen. Eines ist jedoch klar: Der Klima-Aktivismus ist im Wandel und passt sich den neuen Herausforderungen an. Ob der Klima-Aktivismus 2.0 erfolgreich sein wird, hängt davon ab, ob es den Aktivist*innen gelingt, eine breite gesellschaftliche Unterstützung zu gewinnen und Politik und Wirtschaft zum Handeln zu zwingen. Vielleicht liegt die größte Herausforderung darin, die abstrakte Bedrohung der Klimakrise in konkrete, erfahrbare Realitäten zu übersetzen, die Menschen zum Handeln motivieren. Denn am Ende entscheidet nicht die Lautstärke des Protests, sondern die Überzeugungskraft der Argumente.

Dieser Artikel stellt eine Analyse und einen redaktionellen Kommentar dar. Aussagen basieren auf öffentlich zugänglichen Informationen, darunter UNFCCC-Berichten zu COP30 (November 2025), KNOCA-Analysen zur Convention Citoyenne pour le Climat sowie Wikipedia-Dokumentation der 2025 UN Climate Change Conference. Sie sind als informierte Einschätzung zu verstehen, nicht als abschließend gesicherte Tatsachen.


David Jacques Ruas
Artikel verfasst von
https://www.redweb.app/oSe-Creation/blog

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