Bürgerjournalismus 2025: Wenn die Wahrheit zum Risiko wird
Ein Smartphone, ein Internetzugang, der Mut, hinzuschauen: Bürgerjournalismus ist eine der wichtigsten Gegenkräfte zu staatlicher Kontrolle und Medienkonzentration. Aber der Raum dafür schrumpft. Weltweit. Und das nicht nur durch rohe Gewalt, sondern zunehmend durch unsichtbare Methoden, die schwerer zu bekämpfen sind als ein Knüppel.
Die Zahlen: Pressefreiheit auf dem niedrigsten Stand aller Zeiten
Reporter ohne Grenzen hat am 2. Mai 2025 in Berlin seinen aktuellen Pressefreiheitsindex vorgelegt. Das Ergebnis ist erschreckend klar: In 90 von 180 untersuchten Ländern gilt die Lage der Pressefreiheit als "schwierig" oder "sehr ernst". Das ist der schlechteste Wert, den die Organisation je gemessen hat.
Die Jahresbilanz für den Zeitraum Dezember 2024 bis Dezember 2025 zählt 67 getötete Medienschaffende weltweit. Dazu kommen 503 inhaftierte Journalistinnen und Journalisten in 62 Ländern. Besonders dramatisch: China hält allein 121 Medienschaffende hinter Gittern, Russland 48, Myanmar 47. Der Gazastreifen gilt aktuell als das gefährlichste Gebiet der Welt für Journalisten, Mexiko als das gefährlichste Land außerhalb aktiver Kriegsgebiete mit neun Toten allein 2025.
90 von 180 Ländern: Lage für Journalist:innen "schwierig" oder "sehr ernst". Das ist der schlechteste Wert seit Beginn unserer Messungen. Wer die Wahrheit sucht, lebt gefährlich. #Pressefreiheit #RSF2025 #Journalismus
— Reporter ohne Grenzen (@rog_de)
Quelle: Reporter ohne Grenzen: Rangliste der Pressefreiheit 2025
Die unsichtbare Zensur: Algorithmen als Waffe
Die gröbere Form der Unterdrückung ist längst nicht mehr nur physisch. Während Journalisten in China oder Russland ins Gefängnis wandern, läuft anderswo eine subtilere Maschinerie. Algorithmen werden so eingestellt, dass kritische Inhalte in der Flut untergehen. Shadowbanning, also das heimliche Reduzieren der Reichweite eines Accounts ohne Benachrichtigung, gehört zum Standardwerkzeug digitaler Kontrolle. Wer betroffen ist, merkt es oft erst, wenn die Klickzahlen kollabieren, ohne sichtbaren Grund.
Dazu kommt die "Firehose of Falsehood"-Strategie: Nicht eine Lüge, sondern eine Flut widersprüchlicher Informationen wird verbreitet, bis niemand mehr weiß, was stimmt. Das Ziel ist nicht Überzeugung, sondern Desorientierung. Wer in dieser Nachrichtenschwemme als Bürgerjournalist Glaubwürdigkeit aufbauen will, kämpft mit unfairen Mitteln gegen einen Apparat, der keine müde wird.
Von der Demo ins Gefängnis: Wenn Dokumentieren zum Verbrechen wird
Reporter ohne Grenzen dokumentiert für Serbien, dass seit November 2024 Journalistinnen und Journalisten bei Protesten gezielt schikaniert und körperlich angegriffen werden. Der serbische Geheimdienst BIA überwacht unabhängige Medien gesetzwidrig. In der Türkei, die im Pressefreiheitsindex auf Platz 159 von 180 liegt, drohen für kritische Berichterstattung mehrjährige Haftstrafen. In der Türkei geraten seit Beginn der Proteste rund um den Istanbuler Bürgermeister Imamoğlu im März 2025 kritische Reporter nochmals stärker unter Druck durch Zensur, Polizeigewalt und willkürliche Festnahmen.
Ein roter Faden zieht sich durch diese Fälle: Bürgerjournalisten werden bei der Dokumentation von Protesten oft nicht als Presse behandelt, sondern als Demonstrationsteilnehmer. Das ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Strategie, um den freien Informationsfluss zu unterbrechen, genau dann, wenn er am wichtigsten wäre.
In Serbien werden Journalist:innen bei Protestberichterstattung schikaniert und vom Geheimdienst BIA überwacht. In der Türkei riskieren Reporter mehrjährige Haft für kritische Berichte. Das ist Europa 2025. #Pressefreiheit #Serbien #Türkei
— Reporter ohne Grenzen (@rog_de)
Quelle: Reporter ohne Grenzen: Europa im Pressefreiheitsindex 2025
Die Epstein Files: Was wirklich veröffentlicht wurde und was nicht
Kein Fall illustriert die Gefahr von Verschwörungstheorien für Bürgerjournalismus besser als die Epstein-Akten. Jeffrey Epstein, verurteilter Sexualstraftäter mit Verbindungen zu Politikern, Milliardären und Monarchien, starb 2019 in Untersuchungshaft. Die offizielle Einschätzung lautet Suizid, was bis heute umstritten ist.
Im November 2025 verabschiedete der US-Kongress den Epstein Files Transparency Act fast einstimmig. Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium drei Millionen Seiten Dokumente, über 2.000 Videos und 180.000 Fotos. Die Suchfunktion auf der DOJ-Seite ist stark eingeschränkt. Die Dokumente sind ohne Kontext, fragmentarisch und kaum navigierbar.
Was die Akten tatsächlich zeigen: bestätigte Verbindungen Epsteins zu hochrangigen Personen aus Politik und Wirtschaft, Flugprotokolle seines Privatjets, E-Mails und Adressbücher. In den Dokumenten tauchen Hunderte Namen auf, darunter auch Elvis Presley und Janis Joplin, weil Epstein Newsletter erhalten hat, in denen diese erwähnt werden. Eine Nennung bedeutet keine Verstrickung in Verbrechen.
Was die Akten nicht enthalten: eine geheime "Klientenliste". Das FBI erklärte mehrfach, eine solche vollständige und verifizierte Liste existiert nicht. Die Amadeu Antonio Stiftung und die Mimikama-Faktenchecker haben dokumentiert, wie die massenhafte Datenpublikation zur Projektion von Verschwörungserzählungen genutzt wird: Namenserwähnungen werden aus dem Kontext gerissen, KI-generierte Bilder verbreiten sich viral, antisemitische Narrative werden mit realen Verbindungen vermischt.
Das ist das eigentliche Problem: Der Fall Epstein ist real. Der Missbrauch von Hunderten Minderjährigen ist dokumentiert. Ghislaine Maxwell wurde 2022 rechtskräftig verurteilt. Aber die Verschwörungserzählungen übertönen die belegbaren Fakten und die Stimmen der Betroffenen. Investigativjournalisten, die monatelang Dokumente auswerten, verlieren die Aufmerksamkeit an Accounts, die Screenshots teilen und "BOMBSHELL" schreiben.
Quelle: Amadeu Antonio Stiftung: Verschwörung statt Aufklärung | Mimikama: Epstein Files im Faktencheck
Gegenstrategien: So arbeiten Bürgerjournalisten trotzdem
Trotz allem geben Bürgerjournalisten weltweit nicht auf. Ihre Werkzeuge haben sich weiterentwickelt:
- Verschlüsselte Kommunikation über Signal und ähnliche Dienste schützt Quellen und Kommunikationswege vor staatlicher Überwachung
- VPNs und das Tor-Netzwerk ermöglichen den Zugang zu gesperrten Inhalten und verschleiern den Standort
- Internationale Vernetzung mit Organisationen wie Reporter ohne Grenzen schafft rechtliche Rückendeckung und Öffentlichkeit bei Verhaftungen
- Dezentrale Plattformen reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Social-Media-Konzernen, die auf Druck von Regierungen reagieren
- Schulungen in digitaler Sicherheit, die viele NGOs weltweit anbieten, sind mittlerweile Grundausstattung für alle, die in gefährlichen Regionen berichten
Hinzu kommt ein wichtigerer Faktor: Medienkompetenz in der Zuschauerschaft. Bürgerjournalismus funktioniert nur, wenn ein Publikum da ist, das kritisch einordnet, Quellen prüft und den Unterschied zwischen einem Screenshot mit Behauptung und einem belegten Bericht erkennt. Das ist keine akademische Forderung. Das ist der einzige echte Schutzwall gegen Desinformation.
Was jetzt zu tun ist: Drei konkrete Punkte
Pressefreiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage dafür, dass alles andere funktioniert, soziale Bewegungen, Rechenschaftspflicht von Politik, Schutz vor Machtmissbrauch. Wer schweigt, wenn Journalisten verhaftet werden, weil es sich um ein anderes Land handelt, versteht nicht, wie Systeme kollabieren.
- Informieren und unterstützen: Reporter ohne Grenzen, das Committee to Protect Journalists und Amnesty International dokumentieren Fälle und ermöglichen konkrete Hilfe für inhaftierte Journalisten
- Medienkompetenz üben: Bevor ein Artikel, Screenshot oder Video geteilt wird, die Frage stellen: Wer hat das erstellt, auf welcher Datenbasis, und was fehlt im Kontext?
- Unabhängigen Journalismus finanzieren: Investigativmedien ohne Werbeabhängigkeit wie taz, correctiv oder internationale Non-Profit-Medien brauchen direkte Unterstützung, um zu überleben
Die Frage ist nicht, ob die Welt Wahrheit verträgt. Die Frage ist, ob wir bereit sind, für sie einzustehen.
Faktencheck: Die Originalaussage "laut Amnesty International hat sich die Situation für Journalisten in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert" wurde durch konkrete, verifizierende Daten von Reporter ohne Grenzen ersetzt (RSF-Index 2025, Jahresbilanz 2025). Die Epstein-Sektion wurde vollständig neu auf Basis belegter Fakten geschrieben. Die angebliche "geheime Klientenliste" ist eine Verschwörungserzählung, die vom FBI mehrfach dementiert wurde. Die realen Dokumentenveröffentlichungen (30. Januar 2026: 3 Millionen Seiten, 180.000 Fotos, 2.000 Videos) werden korrekt dargestellt.
Quellen: RSF Pressefreiheitsindex 2025 | ZDFheute: RSF Jahresbilanz Dezember 2025 | Amadeu Antonio Stiftung: Epstein Files | Mimikama Faktencheck | Wikipedia: Epstein-Akten
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