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Die verseuchte Herzdame: Wie Viren von einem Körper zum nächsten reisen

21 April 2020, 10:54

Gesundheit





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Quelle Image: https://www.wetter.com/news/so-wird-eine-grippe-uebertragen_aid_565fec1bcebfc0634a8b4571.html

 

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röpfchen- oder Schmierinfektion? Nach wie vor rätseln Forscher, wie das Coronavirus übertragen wird. Wie schwer diese Frage zu beantworten ist, zeigen alte Experimenten mit Kartenspielen.


 

Was wie ein gemütliches Bridgespiel aussieht, ist in Wahrheit ein Versuch, den Übertragungsweg von Viren nachzuverfolgen. Der Mann rechts im Bild ist der Forscher James Lovelock.

Was wie ein gemütliches Bridgespiel aussieht, ist in Wahrheit ein Versuch, den Übertragungsweg von Viren nachzuverfolgen. Der Mann rechts im Bild ist der Forscher James Lovelock.

Sammlung Keith R. Thompson

 

Anfang der 1950er Jahre spielten drei Männer und eine Frau in Salisbury, England, eine denkwürdige Partie Bridge. Wer von den vieren gewonnen hat, ist nicht überliefert. Aussergewöhnlich war das Spiel wegen der Vorrichtung, die einer der Männer im Gesicht trug: ein an der Nase fixierter Gummischlauch, der zu einem kleinen Behälter führte. Aus dem Schlauch floss die gleiche Menge Flüssigkeit, die bei einer Erkältung aus der Nase triefen würde. Sie war mit einem fluoreszierenden Farbstoff versehen, der unter ultraviolettem Licht leuchtete.

Der Spieler mit dem Schlauch verbrachte einige Stunden mit den anderen Personen und griff hin und wieder zu seinem Taschentuch, um sich die Nase abzuwischen. Sonst verhielt er sich unauffällig. Nachdem das Spiel zu Ende war, «offenbarte eine UV-Lampe die schreckliche Wahrheit», wie Christopher Andrewes es ausdrückte. Andrewes war der Leiter der Abteilung für Erkältungsforschung der britischen Regierung, der Common Cold Unit, wo der Versuch stattfand. Die «schreckliche Wahrheit» bestand darin, dass der fluoreszierende Farbstoff nun überall zu finden war: auf dem Tisch, an den Karten und natürlich an den Mitspielern.

 

Wie verbreitet sich eine Erkältung?

Das Experiment war eines von vielen, mit denen die Forscher am Institut herausfinden wollten, wie sich Erkältungen verbreiteten. Die Idee dazu hatte James Lovelock gehabt, ein junger Mediziner, der einer der kreativsten Wissenschafter des Jahrhunderts werden sollte. Die Gaia-Theorie, die er später entwickelte, betrachtet die Erde als Lebewesen. Sie machte ihn zu einem Vordenker der Ökobewegung.




 

Die Schwierigkeiten, auf die Lovelook und Andrewes stiessen, sind bis heute dieselben geblieben. Auch wer wissen will, wie das Coronavirus von einem Menschen zum nächsten gelangt, wird mit ihnen konfrontiert: Einerseits lässt sich das Virus auf seinem Weg nicht direkt beobachten, andererseits können wir die Übertragung nur im Rückspiegel untersuchen. Erst wenn jemand krank wird oder zumindest nachweisbare Mengen an Viren im Körper hat, erkennen wir, dass er sich einige Tage zuvor angesteckt haben muss. Diese Hindernisse führten zu so ungewöhnlichen wie originellen Experimenten, die erklären, weshalb wir uns zurzeit oft die Hände waschen und zwei Meter Abstand halten.

Dass eine Erkältung nichts mit Kälte zu tun hat, war damals bereits klar. Bei der Frage nach dem Verbreitungsweg gab es hingegen zwei Lager. Eine Gruppe glaubte, dass sich die für Erkältungen verantwortlichen Rhinoviren vor allem über die Luft mittels kleiner Tröpfchen verbreiteten, die ein Patient beim Husten, Niesen oder Atmen von sich gibt. Andere waren hingegen überzeugt, die Viren absolvierten eine Stafette: von der Nase zu den Händen, von dort zu den Spielkarten oder anderen Flächen, dann zu den Händen des nächsten Spielers und schliesslich zu dessen Mund, Nase oder Augen. Im Jargon heisst diese Form der Ansteckung Schmierinfektion.

Andrewes hatte schon einige Versuche unternommen, die Frage zu klären. Im Sommer 1950 hatte er zwölf Freiwillige in die Isolation auf Eilean nan Ron geschickt, eine unbewohnte Insel vor der Nordküste Schottlands. Zehn Wochen später brachte er sechs erkältete Studenten auf die Insel. Sie niesten auf Objekte, die die gesunden Freiwilligen anfassen mussten, hielten sich im gleichen Raum auf wie sie, oder lebten drei Tage mit einigen von ihnen zusammen. Nichts geschah. Erst als ein erkälteter Bauer die Insel besuchte und mit vier Freiwilligen einige Stunden am Lagerfeuer sass, steckten sich drei von ihnen an.

Lovelock, der bei diesen Experimenten mithalf, hielt sie für wenig aussagekräftig. Die Zahl der Versuchspersonen war klein, und viele Faktoren liessen sich nicht kontrollieren. Doch die Inselstudie führte zu gründlicheren Studien in den Labors in Salisbury. So lud Andrewes erkältete Kinder der lokalen Schulen zum Spielen ein. Seine Versuchspersonen sassen im selben Raum hinter einem Vorhang, während ein Ventilator die von den Kindern verpestete Luft in ihre Richtung blies. Niemand steckte sich an. Als die Freiwilligen jedoch später mit den Kindern Karten spielten, wurden sie krank. Lovelock war überzeugt, dass sich eine Erkältung vor allem durch Schmierinfektionen verbreitete.

Das bedeutete allerdings nicht, dass sie sich nicht auch mittels Tröpfchen in der Luft übertragen liess, es war nur nicht so einfach. Als die Forscher der Common Cold Unit Freiwillige in einen alten Garderobenschrank sperrten, in den sie von oben Virenlösung sprayten, wurden die meisten krank, nachdem sie die feuchte Luft durch die Nase eingeatmet hatten.

 

Küssen für die Forschung

Dass das Einfallstor der Erkältungsviren nicht der Mund war, zeigten die in den 1970er und 1980er Jahren durchgeführten Kussexperimente des amerikanischen Mikrobiologen Elliot C. Dick von University of Wisconsin in Madison. Von sechzehn nichterkälteten Versuchspersonen, die sich unter Dicks Aufsicht jeweils eineinhalb Minuten von erkälteten Freiwilligen küssen liessen, wurde nur eine einzige angesteckt. Statistiken zeigten, dass sich selbst verheiratete Paare nur in 30 Prozent der Fälle gegenseitig ansteckten.

Anders als Lovelock war Dick der Meinung, dass Erkältungsviren vor allem den Luftweg benutzten. Als Amerikaner griff er nicht auf Bridge, sondern auf Poker zurück, um diese These zu bestätigen. Er organisierte Pokerspiele zwischen Erkälteten und Nichterkälteten, die fünfzehn Stunden dauerten. In einer Version des Experiments trugen die gesunden Versuchsteilnehmer Armschienen, die verhinderten, dass sie sich ins Gesicht fassen konnten. Trotzdem steckten sie sich etwa gleich häufig an wie die Personen in der Kontrollgruppe, denen der Kontakt zwischen Händen und Gesicht erlaubt war. In einer anderen Variante des Versuchs mussten gesunde Pokerspieler mit Karten und Chips spielen, die in der Nacht zuvor von erkälteten Spielern benutzt worden waren. Obwohl die Spieler aufgefordert wurden, sich regelmässig Augen und Nase zu reiben, machten sie die Schmuddelkarten nicht krank. Für Dick der Beleg, dass sich Erkältungsviren vor allem über die Luft verbreiteten.

Doch ein langes Pokerspiel oder ein Kuss im Labor sind keine realistischen Simulationen unseres Alltags. Gegen Dicks Theorie spricht, dass sich in vielen Feldstudien Händewaschen als probates Mittel gegen die Verbreitung von Erkältungen erwiesen hat. In einer Studie mit fast 88 000 Rekruten der US Navy aus dem Jahr 2001 senkte es die Infektionsrate um 45 Prozent.

Jedes Virus ist anders

Jedes Virus hat seine eigene Persönlichkeit. Influenzaviren etwa werden stark von Kindern verbreitet, und Masernviren in der Luft können, selbst zwei Stunden nachdem eine infizierte Person einen Raum verlassen hat, die Krankheit noch auslösen. Auch die Erkenntnisse aus der Erkältungsforschung lassen sich nicht einfach so auf das Coronavirus übertragen, doch sie zeigen, dass die Reise eines Virus von einem Körper zum nächsten selbst nach jahrelanger Forschung schwierig nachzuvollziehen ist.




 

Die Hoffnung, dass die Wissenschaft zur Ansteckung mit dem Coronavirus bereits endgültige Antworten hat, wird deshalb enttäuscht. In der heutigen Situation müssen Indizien reichen. Indem man einzelne Corona-Fälle zur Ansteckung zurückverfolgt, lässt sich etwa aus den jeweiligen Situationen auf Tröpfchen- oder Schmierinfektionen schliessen. Das Robert-Koch-Institut in Berlin schreibt dazu: «Es wurden häufig Infektionsketten identifiziert, die am besten durch eine direkte Übertragung, zum Beispiel durch Tröpfchen, erklärbar waren.» Vielleicht könnte eine Runde Poker diese Frage besser klären, doch davon ist im Moment abzuraten.


Quelle: nzz


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