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Der Mann der einen Wald versetzte

January 2, 2018, 5:04 pm

Type: Menschen

       




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Ma Dadong, Chinese, Geschäftsmann, Multimillionär, 44 Jahre alt, ist einer dieser vorausschauenden Chinesen, auf den schon zu Lebzeiten alle Jade-Tugenden zutreffen und der in dieser unglaublichen Geschichte aus einem vorgezeichneten Grab das Beste macht. Er sichert das Überleben eines Dorfes und eines Waldes – seines Dorfes und seines Waldes.

Außen Ming, innen modern: Eine der Aman-Villen. : Bild: Aman

Ein Rückblick: Wir befinden uns im Jahr 2002 in dem kleinen Ort Fuzhou in der südchinesischen Provinz Jiangxi rund siebenhundert Kilometer südwestlich von Schanghai. Die chinesische Regierung hatte entschieden, in der Provinz einen Staudamm zu bauen. Fuzhous Schicksal und das seines Waldes waren besiegelt: Die Menschen würden umgesiedelt, die Häuser geflutet, der Wald abgeholzt. Zu dieser Zeit war eine Regierungsentscheidung wie in Stein gemeißelt. Niemand dachte an die Menschen, die Kultur, die Umwelt.

In jenem Sommer 2002, in dem Deutschland mit der Jahrhundertflut an Elbe, Havel und Donau zu kämpfen hatte, besuchte Ma Dadong seine Heimat. Er freute sich auf seine Eltern, aufs Schwimmen im See und – endlich mal wieder – auf das scharfe Essen seiner Heimat. Schon mit 22 Jahren ging er von Fuzhou nach Schanghai und machte in gerade einmal sieben Jahren mit Immobilien und Vermögensberatung Unmengen von Geld. Kurz vor diesem Sommerbesuch hatte er seinen 29. Geburtstag gefeiert. Es gab Umarmungen, das Bad im See und das leckere scharfe Essen, aber es gab auch den Regierungsbeschluss vom Ende des Dorfs und damit auch seines früheren Spielplatzes, dem Wald. Er sah, wie die ersten Bäume geschlagen wurden.

Zehntausend Bäume reisten siebenhundert Kilometer weit

„Ich war schockiert. Und ich war traurig“, erinnert sich Ma heute. „Und ich wollte sofort etwas tun. Nur was genau, das wusste ich noch nicht“. Mas Geschäfte in Schanghai liefen bestens, und so entschied er sich, das für eine Privatperson schier unglaubliche Unterfangen zu wagen: Er wollte die fünfzig Häuser seines Dorfes, alle aus der Ming- und Qing-Dynastie und damit rund vierhundert bis fünfhundert Jahre alt, sowie zehntausend Kampferbäume umsiedeln und retten. Kampferbäume werden in der chinesischen Kultur als heilig und von Gottheiten bewohnt angesehen. Sie können mehr als zweitausend Jahre alt werden. „Ich hatte keine Ahnung, wie viel Geld mich das alles kosten würde“, erzählt er weiter. „Und Botaniker warnten mich, die Bäume würden das Verpflanzen und vor allem einen siebenhundert Kilometer langen Transport nicht überleben.“

Luftaufnahme des Lagers: Dreizehn Häuser stehen im Aman-Resort, der Rest wartet noch auf seinen Wiederaufbau : Bild: Aman

Doch Ma hatte vor den Toren von Schanghai Land gekauft, mit einem See wie zu Hause in Fuzhou, und wollte die Bäume dort wieder einpflanzen. Zehntausend Bäume, die er dem Staat abkaufen musste. Jeder einzelne wurde mit möglichst viel heimischer Erde an den Wurzeln auf einen Lastwagen verladen. Darunter der allein achtzig Tonnen schwere „Emperor Tree“, siebzehn Meter hoch und weit mehr als 1500 Jahre alt. Selbst die kleineren Bäume wogen schon um die zehn bis zwölf Tonnen.

 

Ma wagte das Risiko, und die Sache wurde mehr und mehr zu einem millionenschweren Unterfangen. Es erforderte zunächst den Bau von zehn Brücken und Straßen, damit die schweren Lastwagen von seinem Dorf auf die große Hauptstraße nach Schanghai gelangen konnten. Jede Fuhre der hundert eingesetzten Lkw dauerte mit Ver- und Entladen sowie der rund siebenhundert Kilometer alles in allem zwei bis drei Tage. Zehn Unfälle passierten. Und trotzdem: „Ich hoffte für jeden Baum! Jeder sollte noch einmal fünfhundert oder tausend Jahre leben können“, sagte Ma und schaffte das fast Unmögliche: Wider allen Befürchtungen überlebten achttausend der zehntausend transportierten Kampferbäume, die in exakt der gleichen Ausrichtung eingepflanzt wurden wie beim Aushub.

Ein Museum wollte er nicht

Nur für die fünfzig antiken Häuser hatte Ma zunächst noch keinen Plan. Sie wurden akribisch zerlegt, numeriert, dokumentiert und in riesigen Lagerhäusern in der Nähe des neuen Kampferbaumwalds von Schanghai gelagert. In China gilt der Ming-Stil als die perfekte Kunstepoche. Ma traute sich nicht gleich, ging aber im Jahr 2005 auch dieses Thema an: „Zum Test“, wie er sagt, wollte er ein Ming-Haus wieder aufbauen, sein Ming-Haus, denn „ein Museum wollte ich nicht. Ich wollte sehen, wie man ein antikes Haus mit dem Komfort von heute verschmelzen kann“. Jetzt war Chen Yulong gefragt, der für die komplette Dokumentation verantwortlich war. Der Test gelang, das Haus ist ein Prachtstück. Obwohl nur Zweit-, Dritt- oder Viertwohnung des Millionärs, wirkt es durch die erlesenen Kunstwerke an den Wänden dennoch wie ein Museum – das allerdings der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Stein für Stein rekonstruiert: Der beispiellose Umzug eines antiken Dorfes : Bild: Aman

Weitere vier Jahre später, im Jahr 2009, treffen sich in Schanghai zwei Männer, Ma Dadong, und Adrian Zecha, damals noch Inhaber der exquisiten „Aman“-Resorts und auch so ein vorausschauender Mensch, der 1988 das „Amanpuri“ im thailändischen Phuket eröffnete und die Resort-Hotellerie neu definierte. Er setzte Maßstäbe, an denen sich bis heute alle messen lassen müssen. Das Amanpuri war das erste Resort, in dem traditionelle Bauelemente auf moderne Formen trafen. Die moderne Architektur und das elegante Design, die entspannte Atmosphäre und der scheinbar unsichtbare Service waren – und sind bis heute – beseelt von der Harmonie der jeweiligen Landeskultur. Adrian hörte von Mas spektakulärem Umzug, und wie es so ist, wenn zwei vorausschauende Menschen aufeinandertreffen, kommt eine Vision dabei heraus: „Amanyangyun“ heißt das Projekt, das mittlerweile 31. Aman-Resort weltweit und schon das vierte in China.

Antike Bausubstanz trifft auf zeitgemäße Strukturen

Und jetzt steht man da – und träumt ein wenig: Gibt’s das eigentlich alles wirklich? Ma hat es geschafft, und Adrians Architekten haben ein Resort geschaffen, das spielend fünfhundert Jahre harmonisch miteinander verbindet. In der Mitte der Anlage steht der Emperor Tree, er hat die Reise überlebt mit seinen 1500 Jahren, geschmückt mit roter Schleife, und jeder Gast gibt ihm vor dem Check-in etwas Wasser. So wird die Vergangenheit gepflegt und die Zukunft geebnet. Der Name Yang Yun geht auf eine Gedenktafel des chinesischen Kaisers Qianlong zurück, die er in der Verbotenen Stadt anbringen ließ: Name und Tafel würdigen die Natur und das Universum und stehen für die Bewahrung von Träumen und deren Erfüllung.

In dem zehn Hektar großen Refugium mit den achttausend Kampferbäumen aus Fuzhou können die Gäste nun in dreizehn der antiken Häuser wohnen. In diesen tausend Quadratmeter großen „Antique-Villas“ befinden sich jeweils vier Suiten, die sich um einen traditionellen Innenhof gruppieren, der typisch für Bauten aus diesem Zeitalter ist. Das Innere ist mit modernstem Komfort ausgestattet, und Ming- sowie Contemporary Design sind stilsicher aufeinander abgestimmt. Antike Bausubstanz trifft auf zeitgemäße Strukturen, auf alte Reliefs, Ornamente und Inschriften. So tauchen Brunnen-Reliefs aus der Ming-Epoche im „Amanyangyun“ in ganzer Pracht auf. Sie wurden in der Kulturrevolution zum Schutz vor Zerstörung unter einer Lehmmasse versteckt.

 

Im Inneren lodert ein Kamin, verführt eine Bibliothek, denn der Fernseher ist versenkbar und die frei stehende Badewanne der beste Platz für ein gutes Buch. Granit, Glas, Holz, Bambus und erdig graue Töne dominieren. Neueste Technik und Armaturen treffen auf vierhundert Jahre alte Ming-Säulen. 264 Angestellte sorgen für maximal 76 Gäste, denn zu den Ming-Häusern gesellen sich noch 24 neu erbaute Suiten, minimalistisch kühl, nüchtern und den Ming-Gebäuden von außen nicht die Schau stehlend. Natürlich gibt es ein Spa mit 57-Meter-Pool, zusätzlich zu den privaten Pools und dem Jacuzzi für jede Ming-Villa. Auch drei Restaurants gehören zum Angebot, neben italienischer und japanischer auch eines mit der scharfen Küche aus der Provinz Jiangxi, wo alles begann. Fünf Köche sorgen für authentische Speisen, Hare Hu ist einer von ihnen: „Speisen sind ein Kulturgut, und ich bin stolz, unsere Kultur hier vertreten zu dürfen“, sagt der Koch und bietet in Reiswein marinierte Ente an. Sein Chef ist Fred Shi, ein Zwei-Sterne-Koch, der zuvor im „Peninsula“ in Peking gearbeitet hat.

In unmittelbarer Nähe des Emperor Tree lädt das Kulturzentrum des Resorts in eines der schönsten wiederaufgebauten Ming-Häuser ein, Nan Shu Fang heißt es, benannt nach dem königlichen Lesepavillon in Pekings Verbotener Stadt. Ein Ming-Tisch, aus dem kaiserlichen Holz Nanmu geschreinert, steht da wie ein Altar und wird auf 180000 Euro geschätzt. Klassische Instrumente aus der Ming-Zeit sind zu sehen und zu hören, verschiedene Federn weisen auf die Kunst der chinesischen Kalligraphie hin, und Teezeremonien geben diesem Haus auch noch den Zauber einer rituellen Stätte. Die Räume im Nan Shu Fang wurden allesamt im Ming-Stil ohne Nägel und Klebstoff, sondern nur nach Passform gebaut.

Die ersten Wochen sind schon ausgebucht

Nun haben vorausschauende Geschäftsleute – selbst wenn sie, wie Ma, eher ein Philanthrop sind, der das Rampenlicht nicht sucht – bei so einer Aktion sicher auch die Gewinnzone im Auge. Doch lässt sich dieses Ziel trotz hoher Übernachtungspreise um durchschnittlich tausend Euro nicht mit einem Boutique-Hotel realisieren. Das Resort ist für Aman-Verhältnisse mit 76 Suiten zwar groß, aber betriebswirtschaftlich dennoch zu klein, um die Investition zu rechtfertigen, deren genaue Summe Ma bis heute für sich behält. Also baute er zusätzlich Villen für den Verkauf: Dreißig Residences, zwölf davon antike Ming-Villen mit modernen baulichen Ergänzungen von der eigenen privaten Kunstgalerie über die Garage für drei Autos, vom Spielplatz bis zum Kino, natürlich mit deutscher Küchenausstattung und Weinkeller für fünfhundert Flaschen. 5861 Quadratmeter hat so eine Residence, und sechs Quadratmeter davon hat man doch tatsächlich für das Butler-Zimmer abgezweigt. Ab 2019 stehen sie zum Verkauf. Der Preis ist zwar noch nicht veröffentlicht, das Minimum wird jedoch wohl kaum unter 15 Millionen Euro liegen.

Blick in eine der Villen: Alles wirkt ruhig, natürlich, reduziert und doch luxuriös. : Bild: Aman

Eröffnet wird das Resort „Amanyangyun“ im Januar. Die ersten Wochen sind schon ausgebucht. Amanjunkies, wie sich die Stammgäste gerne selbst nennen, hatten schon lange im Voraus reserviert, um zu den ersten Gästen zu gehören.

Raus aus der Stadt lautet ein Motto, das wir Europäer schon lange kennen und genießen. Was „Schloss Elmau“ für betuchte Münchner oder „Heiligendamm“ für Berliner und Hamburger ist, soll das „Amanyangyun“ – 27 Kilometer vor den Toren der Stadt – für die Happy Few aus Schanghai werden. In einem Radius von drei Autostunden leben dreihundert Millionen Menschen, rund viermal so viele, wie Deutschland Einwohner hat. 25 Millionen von ihnen wohnen in Schanghai, einer Mega-Stadt, die eigentlich alles bietet. Nur keine gute Luft, kaum Bäume und keine Vögel. Mister Ma hatte das bei seinem gigantischen Umzug schon im Blick. Er ist nun mal ein vorausschauender Mensch.


Source: FAZ